Naturalismus Epoche – Merkmale in Kunst, Musik & Literatur

Definition und zeitliche Einordnung

Die Epoche des Naturalismus bezeichnet kunstgeschichtlich die Strömungen in Literatur und Theater zum Ende des 19. Jahrhunderts, ab etwa 1880 bis hinein ins 20. Jahrhundert. Abgeleitet vom lateinischen Wort „natura“ für Natur, steht der Naturalismus vor allem im Gegensatzt zum sogenannten Idealismus, welcher zu Beginn des 19. Jahrhunderts viele philosophische Werke kennzeichnete.

Zudem gilt der Naturalismus als Steigerung des Realismus, ist deutlicher und klarer als dieser und stellt die gesellschaftlichen Missstände der damaligen Zeit detaillgetreu und unverblümt dar.

Gleichzeitig gewinnen die Naturwissenschaften in dieser Zeit extrem an Bedeutung. Die Erfindungen des Dieselmotors, der Schallplatte oder der Dampfturbine läuten die Industrialisierung ein, was auf die Gesellschaft damals maßgeblich Einfluss hatte..Zahlreiche Denker und Philosophen wie Charles Darwin oder Sigmund Freud prägen ein neues Menschenbild: In ihren Theorien und Thesen beschreiben sie den Menschen als ein in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränktes, Wesen, und betonen hierbei die Beschränkung durch die jeweilige soziale Herkunft.

Stilistische Merkmale in der Literatur

Die soziale Thematik steht im Mittelpunkt des Naturalismus. Oft stehen Außenseiter, oder Menschen am Rande der Gesellschaft im Vordergrund literarischer Werke. Themen, wie Armut, Alkoholsucht, käufliche Liebe und das Leben in beengten Mietskasernen werden aufgezeigt. Dabei bemühen sich Autoren und Lyriker immer mehr um eine besoders genaue Darstellung jeder Einzelheit im Umfeld der Protagonisten, um so möglichst viel von der herrschenden Atmosphäre im Geschehen zu vermitteln, als über eine reine Raumbeschreibung. Diese Technik bezeichnet man als „Sekundenstil“ und beinhaltet auch Eigenheiten in der Sprache, wie Stottern, Atempausen, Nebengeräusche oder unvollständige Sätze.

Sehr häufig wird sich auch der „phonografischen Methode“ bedient. Hier geht es darum, das natürliche Sprechen wiederzugeben, indem sprachliche Eigenheiten offen verwendet werden. Dazu gehört zum Beispiel die wörtliche Rede in einem Dialekt, die Verwendung schichtspezifischer Begriffe (Soziolekt), eine situationsbedingte Ausdrucksweise (Psycholekt), oder individueller Sprachgebrauch (Idiolekt).
Der Schreibstil entwickelt sich klar weg vom traditionellen Versmaß und der konventionellen Stropheneinteilung. Immer mehr orientiert sich der naturalistische Schreiber stattdessen an einer Prosalyrik. Dabei wird der natürlische Sprachrhythmus immer wichtiger. Beliebt sind epische Kurzformen wie die Novelle.

Als bedeutende Vertreter naturalistischer Literatur sind Gerhart Hauptmann (1872-1946), Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910)und Arno Holz (1862–1941)zu nennen.

Musikalische Entwicklung

In der Musik werden die Tendenzen des Naturalismus als „Verismus“ bezeichnet. Folglich des Wortstammes „veri“ für „wahr“, zeichnen sich die Darstelungen durch eine sozialkritische und fast schonungslose Wiedergabe des damaligen Alltags aus. Dabei wurden oft Lebensereignisse und Erlebnisse vertont.

Komponisten wie Nikolav Rimski-Korssakov (1844-1908), Giacomo Puccini (1858-1924), Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) prägten die Epoche musikalisch mit zahlreichen Opern, Sinfonien und Chorwerken. Einige die wichtigsten Werke dieser Zeit sind die Ballette „Schwanensee“ und „Der Nussknacker“ (Tschaikowsky), die Sinfonie „Scheherazade“ (Rimski-Korssakov) und die Oper „Le ville“ (Puccini).

Kunst und Malerei

Auch im Bereich der bildenden Kunst beginnt die Suche nach eigenen Ausdrucksformen, um die Auswirkungen der Industrialisierung zu zeigen. Farbtöne werden aufgehellt, die Darstellung posierender Modelle nimmt ab. Portraits von Menschen der unteren Gesellschaftsschichten bei der Ausführung ihrer Arbeit und in ihrer Umgebung werden zum bevorzugten Motiv. Die realistische Darstellung des täglich Lebens stieß dabei oft auf große Ablehnung der zeitgenössischen Betrachter. Als Vorreiter und Begründer der modernen Malerei gilt Vincent Willem van Gogh (1853-1890). Dem Naturalismus sind sein Gemälde „Die Kartoffelesser“, sowie das Porträt des Briefträgers Joseph Roulin zuzuordnen.
Als Bildhauer und Maler prägte auch der französische Künstler Constantin E. Meunier(1831-1905) diese Epoche.

Zusammenfassung

Der Schriftsteller Arno Holz beschränkte die Erklärung des Naturalismus durch die Formel „Kunst = Natur – x“. Im Jahr 1891 fasste er damit das Prinzip dieser Epoche in seinem Werk „Die Kunst. Ihre Wesen und Ihre Gesetze“ kurz zusammen. Mit „Natur“ ist die Realität gemeint, „X“ steht für den Einfluss des Menschen. Dabei sollte der Faktor „x“ so gering wie möglich gehalten werden, um so eine hochgradig detaillierte Darstellung der Wirklichkeit zu schaffen.

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